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Die  SPD  in Villingen-Schwenningen
 

SPD: Historischer Rundgang zum Anti-Kriegstag

Villingen-Schwenningen, 2. September 2015

Anti-Kriegstag 1. September

SPD: Historischer Rundgang zum Anti-Kriegstag

Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg. Nur 20 Jahre nach dem Ende des mörderischen 1. Weltkriegs gab es 1939 keinen fühlbaren Widerstand gegen den neuen Krieg. Woher kam diese fatalistische Hinnahme? Dieser Frage ging die SPD im Rahmen einer historischen Stadtführung durch Villingen nach.
Der Stadtführer Christian Föhrenbach, unterstützt von Wolfgang Heitner und Bernd Schenkel, hatte diesen Abend vorbereitet. Vor dem Rathaus erläuterte Wolfgang Heitner, wie der 1931 gewählte parteilose Oberbürgermeister Gremmelsbacher aus dem Amt gedrängt wurde. Nach kurzem Zwischenspiel mit NSDAP-Ortsgruppenführer und Stadtrat Gutmann als Bürgermeister, fiel das Amt im August 1933 an den 26jährigen Hermann Schneider, Diplom Volkswirt und Versicherungsvertreter aus Schwetzingen. Gewählt wurde nicht mehr. Es herrschte das Führerprinzip. Der Gauleiter ernannte den Bürgermeister. Wichtigste Qualifikation des neuen Bürgermeisters: er war ‚alter Kämpfer‘, schon 1923 in die NSDAP eingetreten. Es wurde deutlich, wie die städtische Verwaltung und der Gemeinderat in wenigen Wochen ‚Beute‘ der Nationalsozialisten wurden.
Bild: Treffpunkt vor dem Rathaus
Foto: Wolfgang Heitner berichtet bei der historischen Stadtführung der SPD, wie das Rathaus, seine Verwaltung und der Gemeinderat 1933 in wenigen Wochen von den Nationalsozialisten ‚übernommen‘ wurden.

Am Beispiel des heutigen Gymnasiums am Romäusring wurde dargestellt, wie der Unterricht ideologisiert, der Schulalltag von nationalsozialistischen Ritualen durchsetzt und Sport und Spiel zur ‚vormilitärischen Ausbildung‘ wurden. Selbst der Name der Schule wurde militarisiert. Sie hieß ab 1937 Immelmann-Schule, benannt nach dem bekannten Jagdflieger Max Immelmann (+ 1916). Auch die Lehrerschaft fügte sich nahtlos in das NS-System ein. Mit zahlreichen Eintritten – zuletzt 1937 – waren schließlich alle Lehrer Parteimitglieder.
Nachdem an diesen Beispielen die Durchdringung der Gesellschaft durch die Partei und ihre Amtsträger deutlich wurde, ging Bernd Schenkel auf das Schicksal derer ein, die in den Jahren vor 1933 immer klar Stellung gegen den Nationalsozialismus bezogen hatten. Als Beispiel wählte er das Schicksal des Sozialdemokraten Josef Heid. Dieser war Beamter bei der Bezirksverwaltung, war Stadtverordneter in Villingen, Mitglied des Kreisrats und seit 1929 Mitglied des badischen Landtags. Im März 1933 wurde er von SA- und SS-Leuten zusammengeschlagen, der Polizei übergeben, dort immerhin zuerst ins Krankenhaus geschickt. Es folgten drei Monate Haft und ein Monat KZ. In der Zwischenzeit war er - trotz Beamtenstatus - von der Bezirksverwaltung entlassen worden. Von der Stadt bekam er den ‚Stadtverweis‘. Bis zum 1. September 1933 musste er mit seiner Familie Villingen verlassen. Mehrere Städte weigerten sich, ihn aufzunehmen. Letztlich konnte er nach Bruchsal ziehen, dem Heimatort seiner Schwiegereltern. Mühsam hielt er sich mit seiner Familie über Wasser. Am 8. August 1944 wurde er erneut verhaftet und kam am 21. Dezember im KZ Dachau um.
Christian Föhrenbach schilderte in der Gerberstraße die Ereignisse während der Pogromnacht am 9. November 1938 und die Deportation der verbliebenen deutschen Juden am 20. Oktober 1940. Er erinnerte daran, dass von den etwas über 40 deutschen Juden, die 1937 in Villingen wohnten, 20 ermordet wurden, meist in Auschwitz. Den anderen gelang noch die Auswanderung. Alle Teilnehmer der Führung bedauerten, dass der Gemeinderat sowohl 2004 wie auch 2012 abgelehnt hatte, durch Stolpersteine an die Einzelschicksale dieser Bürgerinnen und Bürger der Stadt zu erinnern. Sie hoffen, dass dieses Thema nochmals aufgegriffen wird.
Letzte Station war für Christian Föhrenbach das Mahnmal in den Ringanlagen hinter der Sparkasse. Drei Steinquader symbolisieren das nach 1945 dreigeteilte Deutschland, verbunden durch eine stilisierte Dornenkrone. Eine rege Diskussion entspann sich. Ist dieses Denkmal noch zeitgemäß? Es kommt wohl auf die Interpretation an. Für Bernd Schenkel ist es heute ein Mahnmal, das ausdrückt: „Schaut her, was übersteigerter Nationalismus, was der Nationalsozialismus uns hinterlassen hat: ein zerstörtes, ein zerbrochenes Deutschland und das Leid der Vertriebenen.“ Christian Föhrenbach schlug den Bogen vom Damals zum Heute. Er wies auf die 12 Millionen Vertriebenen und Flüchtlinge hin, die nach 1945 in ein verarmtes, zerbombtes Deutschland intergiert werden mussten: „Wir sollten uns heute an diese um vieles schwierigere Situation erinnern.“

Bernd Schenkel